Gießen und seine Stadtteile

5 Stadtteile mit eigenem Flair, eigener Geschichte und Lebenskultur

 

Viele Völker formten diese Kulturlandschaft und hinterließen ihre Spuren. Hier siedelten Kelten und Germanen, Römer errichteten Kastelle und im Mittelalter entstanden zahlreiche Burgen, Schlösser und Klöster.

Modernes Leben, Kunst und Wissenschaft stehen im reizvollen Kontrast zu dem mittelalterlichen Ambiente vieler Städte und Gemeinden. Die Spuren der Kelten, der römische Limes, die Märchen der Gebrüder Grimm und das Leben Goethes lassen sich bis heute verfolgen und sind es wert entdeckt zu werden. Theater, Museen und Ausstellungshäuser sowie besondere regionale Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen prägen heute die facettenreiche kulturelle Vielfalt.

Mal üppige Waldlandschaften, mal reizvolle Wiesen und Felder, sprudelnde Bäche, herrliche Ausblicke auf mittelalterliche Burgruinen und Schlösser und dazwischen immer wieder vom Fachwerk geprägte malerische Städtchen. All dies prägt bis heute die geschichtsträchtige Landschaft rund um Gießen.

 
 

Allendorf/Lahn

Der Ort wird erstmals in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 790 als Aldentorph im Logenehe ("Allendorf im Lahngau") erwähnt. Der Ortsname Aldentorph deutet auf "altes Dorf" hin, weshalb Allendorf vermutlich wesentlich älter ist und seine Entstehung zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert angenommen wird.

Allendorf gehörte wie 13 andere Dörfer zum Amt Hüttenberg, das den Konradinern gehörte. Im 11. Jahrhundert wurde die Ortschaft Teil der Grafschaft Gleiberg. 1363 fiel die Westhälfte der Grafschaft und damit auch Allendorf an die Grafen von Nassau-Weilburg. Durch Streitigkeiten wurde im Juni 1703 der Hüttenberger Hauptteilungsvertrag geschlossen und Allendorf gehörte fortan der Landgrafschaft Hessen an.
Seit dieser Zeit trug der Ort die Bezeichnung Allendorf an der Lahn. Die Grenzlage zu anderen Staaten war in kriegerischen Zeiten häufig Ursache von Verwüstungen, Plünderungen und Belagerung. Unter der Einquartierung zunächst französicher, dann preußischer und letztlich russischer Truppen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, litt Allendorf ganz besonders.

Durch den Wiener Kongress von 1815 wurde Allendorf der Preußischen Rheinprovinz zugeordnet. Bereits am 14. Juli 1821 wurde der Ort wieder hessisch und gehörte dem Landbezirk Gießen in der großherzoglich-hessischen Provinz Oberhessen an.

Wirklich gravierende Veränderungen gab es erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich dort Vertriebene und Flüchtlinge ansiedelten und neues Bauland erschlossen wurde. 1971 erfolgte mit der Eingemeindung in die Stadt Gießen der vorerst letzte Schritt einer nachhaltigen Veränderung der Gesamtstruktur.

 
 


                        

                        

                                                     

 
 
 

Kleinlinden

Das Dorf Kleinlinden ist seit dem 1. April 1939 ein Stadtteil von Gießen. Die erste Erwähnung ergibt sich aus einer Wetzlarer Stiftsurkunde aus dem Jahr 1269, in der ein Conradus de Lindehe (Lindes) als Pächter eines Gutes im nahe gelegenen Selters auftaucht. Nur wenige Jahre später, 1280, wird die Gemeinde als "kleines Dorf genannt Lindes" in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Womöglich ist Lindes als Waldsiedlung (darauf deutet der Name hin) bereits zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert entstanden.

Eine Burg ist in Lindes vermutlich um das Jahr 1350/60 erbaut worden, um die Herrschaft des hessischen Landgrafen zu stärken. Die Einwohnerzahl des Ortes war zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch verschwindend gering. Nur vierzig Personen in kaum mehr als zehn Gehöften dürften damals hier gelebt haben. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. stieg die Bevölkerungszahl rasant an: von 479 in 1854 auf 1680 in 1910. Massive Beeinträchtigungen erlebte der Ort im gleichen Zeitraum durch den Eisenbahnbau der Strecken Gießen-Frankfurt und Gießen-Wetzlar.

Mit Gießen, zu dessen Amtsbezirk Kleinlinden schon sehr lange Zeit vor seiner Eingemeindung gehörte, pflegte der Ort im Übrigen einen jahrhundertealten Grenzstreit. Die schriftliche Überlieferung berichtet 1531 von ersten Auseinandersetzungen der Gießener mit den Bewohnern von Lindes. Erst 1840, also mehr als dreihundert Jahre später, konnte der Streit durch einen Vergleich beigelegt werden.

 
 


 
 
 

Lützellinden

Lützellinden wurde vermutlich um 800 gegründet und war viele Jahrhunderte lang eine reiche Bauerngemeinde. Dies lag vor allem an der Häufung adeligen Besitzes in der Gemarkung, aber auch gute Böden und eine bedeutende Waldwirtschaft spielten dabei eine Rolle.

Geschichtlich war Lützellinden immer in Richtung Wetzlar orientiert. Politisch zählt der Ort erst seit 1979 zu Gießen. Zuvor gehörte Lützellinden zum damaligen Landkreis Wetzlar. Die geschichtliche Verbundenheit mit Wetzlar ist auch heute noch sichtbar. Sie manifestiert sich unter anderem in der Zugehörigkeit Lützellindens zur Evangelischen Kirche im Rheinland und zum Bistum Limburg, während alle anderen Teile Gießens zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bzw. dem Bistum Mainz gehören.

Weitere Besonderheiten Lützellindens: Es existieren noch viele, im Zustand allerdings unterschiedlich erhaltene, für die Dörfer des Hüttenbergs typischen alten Fachwerk-Hofreiten mit hohen Hoftoren aus dem 18. und aus dem 19. Jahrhundert. Eines der ältesten Hoftore befindet sich in der Lindenstraße 19, es ist mit AD 1699 bezeichnet. Der Stolz alter Häuser und die Handwerkskunst der alten Werkmeister ist aber nicht nur an den Vorderseiten des Eichefachwerks, wie z.B. des Adam- und Eva-Hauses in der Schulstraße sichtbar, sondern setzt sich bis in die Hofseiten der Fachwerkreiten fort. Bis vor einigen Jahren gab es noch eine Reihe ausschließlich trachtentragender Frauen.

Ein Zeichen dafür, dass die alte Dorfgemeinschaft noch funktioniert, ist auch, dass noch "Platt" (Hüttenberger Dialekt) gesprochen wird. Zeitweise wird im Backhaus noch mit Holz geheizt, um das herkömmliche Roggenbrot zu backen.

 
 


                        

                        

                        

 
 
 

Rödgen

Am Rande des Busecker Tals, etwa fünf Kilometer vom Gießener Stadtzentrum entfernt, liegt der Stadtteil Rödgen, der seit 1971 zu Gießen gehört. Von hier hat man einen wunderbaren Blick über die Dörfer des Busecker Tals und über das Gießener Becken.

Die erste urkundliche Erwähnung Rödgens ist strittig. Erste Hinweise auf die Siedlung findet man in Dokumenten aus dem 8. Jahrhundert; schlüssige Beweise für die Existenz des Dorfes liefert erst eine Urkunde von 1326.

Rödgen war lange Zeit geprägt durch ein geteiltes Gemeinwesen. Während das alte Pfarrhaus und die aus dem 13. Jh. stammende Kirche zur Erzdiözese Trier gehörten, war der nördliche Teil des Dorfes mit der sogenannten Burg dem Erzbistum Mainz zugehörig. Jene "Burg" ist im Übrigen nichts anderes als ein ummauerter adeliger Wohnsitz. Politisch gehörte Rödgen im 14. Jh. zu den "Ganerben" des Busecker Tales, die für sich die reichsunmittelbare Gerichtsbarkeit beanspruchten, und sich erst nach einem Jahrhunderte währenden Streit der Hoheit des hessischen Landgrafen beugten.

Wie so viele Dörfer hatte auch Rödgen im 17. Jh. unter Krieg und Pestepidemien zu leiden. Der Strukturwandel ab der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte die Lebensgewohnheiten der zumeist bäuerlichen Einwohner: 1869 wurde die an Rödgen vorbeiführende Bahnlinie Gießen-Grünberg eingeweiht. Die Gründerjahre bescherten den Bauern Arbeitsmöglichkeiten in der nahe gelegenen Stadt Gießen. Bedeutsam war auch die Ansiedlung der Zigarrenfabrik Rinn & Cloos um 1900 und der Bau des Gießener Flughafens ab 1925. Heute befindet sich nördlich dieser Fläche noch ein kleiner Segelflugplatz, der aber schon zur Gemarkung Wieseck gehört.

In den 30er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl Rödgens an, bedingt durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge.

 
 


                        

                        

                        

 
 
 

Wieseck

Wieseck blickt auf eine ältere Geschichte zurück als die Stadt Gießen. Bereits 775 wird Wieseck in den Schenkungsurkunden erwähnt. Es gab zwischen Gießen und Wieseck einen lebhaften Tauschhandel: Die eine Seite lieferte die landwirtschaftlichen Produkte, die andere die handwerklichen Erzeugnisse.
Die Gießener Stadtherren übten sanften Druck aus, um die Bewohner in die Stadt zu locken und damit die Einwohnerzahl zu erhöhen.

Wiesecks Wahrzeichen, die "Poart", ein mächtiger Wehrturm der ehemaligen Dorfbefestigung, wird 1458 in ihrer heutigen Form erstmals erwähnt. Allerdings darf man sich unter einer solchen Dorfbefestigung keine aufwendige Wallanlage vorstellen, wie sie Landgraf Philipp der Großmütige in Gießen errichten ließ. Vielmehr bestand die Umfestigung nur aus festen Zäunen, Hecken oder einem Graben.

Eine Kirche wird in Wieseck erstmals 778 urkundlich erwähnt. Die heutige Kirche steht wahrscheinlich auf den Fundamenten des Sakralbaus aus dem 8. Jahrhundert. Der steinerne Unterbau ihres quadratischen Ostturms wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts erbaut, das Chorgewölbe gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

1646 tobte in Wieseck ein Großbrand bei dem nur drei Häuser unversehrt blieben.

 
 


                        

 
 
 

Siedlung Petersweiher

Petersweiher gehört zur Stadt Gießen. Es ist rechtlich gesehen kein eigener Stadtteil, gilt aber aufgrund seiner Lage etwa 5 km südöstlich von Gießen als eigenständige Siedlung. Die Siedlung entstand in den 1970er Jahren, nachdem die Gemarkung Schiffenberg nach einem Landtausch zwischen dem Land Hessen und der Stadt Gießen in den Besitz der Stadt Gießen überging. Namensgeber war der gleichnamige Weiher am Rand der Siedlung.

Petersweiher liegt direkt am Fuß des Schiffenbergs, einem nicht nur bei Gießenern äußerst beliebten Ausflugsziel. Es ist ein reines Wohngebiet und hat rund 630 Einwohner.